Bernd Michael Kraske
Orientierung am Dinghaften (Auszüge)

Beim Rückblick auf die Entstehung eines künstlerischen Lebenswerkes stellt sich die Frage, ab welchem Zeitpunkt es dokumentiert werden sollte. Walther Kunau hat seine ersten Blätter allesamt aufbewahrt, weil ihm sein erster Kunstlehrer einmal sagte, er werde später erkennen, dass sie typischer für ihn seien als das, was er an der Akademie machen werde...

Schon während seiner Schulzeit, in den Sommer-
ferien, machte sich der 17jährige mit dem Fahrrad auf nach Worpswede, wo ihn der Mitbegründer der dortigen Künstlerkolonie, Fritz Mackensen, empfing und ihn in dem Wunsch bestärkte, ein Kunststudium zu absolvieren. Als Erinnerung an seinen Besuch gab er dem Jungen folgende Buchwidmung mit auf den Weg: „Kunst ist Spiegelung der Natur in einer Menschenseele, wie die Seele, so die Kunst.“ Dieser Sinnspruch hat Walther Kunau durch all die Jahrzehnte begleitet und in seinem Wahrheitscharakter nie unbeeindruckt gelassen.
Schaut man auf die Bilder der frühesten Zeit, so fällt auf, dass sie ihre Themen ausschließlich aus der

 

sichtbaren Wirklichkeit beziehen. Bei allen techischen, kompositorischen, gestalterischen Unterschieden zum Werk der späteren, reiferen Zeit bleibt Kunau diesen Sujets bis in die Gegenwart treu. Die Orientierung am Sichtbaren ist die große Konstante seines Werks...

Bei den Fensterbildern wird deutlich nachvollziehbar, dass Kunau seine Motive nicht im Besonderen, Außergewöhnlichen oder gar Extravaganten suchte und sucht. Es sind die Dinge, die scheinbar so gar nicht zur Darstellung taugen, die sein Interesse herausfordern und ihn zur künstlerischen Arbeit inspirieren. Für die 70er Jahre ist festzuhalten, dass ein Gebrauchsgegenstand, eine Mütze etwa, ein Arbeitshandschuh oder ein Kanaldeckel, kurz, dass das als alltäglich und banal empfundene Ding seine Aufmerksamkeit beanspruchte und zur Darstellung drängte...

Im Prozeß des Malens wird das Gefundene somit neu entdeckt, auf seine Stimmigkeit hin überprüft und festgehalten. Es ging und geht ihm nie dabei um den nachprüfbaren Abbildcharakter eines Motivs, nicht um die Individualität eines Ortes, sondern immer um dessen Typik...