Walther Kunau
Stadt und Figur
Orientierung am Gegenstand
Versuche zur Passion
Strenge Form
Fenster und Objekte
Porträts
Torsi
Lübecker Barockfiguren
(6 Abb.)
Medusen und Früchte
Landschaft
Kontakt/Impressum
 
 
  Die Lübecker Puppenbrücke, die den Stadtgraben überspannt, und über die man von der Nordseite die Altstadt betritt, ist auf den steinernen Brückengeländern gesäumt von allegorischen Figuren, die der Brücke ihren volkstümlichen Namen gegeben haben. Man muss nicht Künstler sein, um von den steinernen Figuren angesprochen zu werden, aber man muss Künstler sein, um diese wiederum zum Motiv zu machen, sie erneut ins Bild zu setzen. Ihre allegorischen Botschaften sind im Laufe der Jahrhunderte weitgehend in Vergessenheit geraten, allerdings faszinieren weiterhin ihre standbildhafte Körperlichkeit und selbstbewusst daherkommende Gebärdensprache. Für Walther Kunau gilt das in hohem Maße. Er sieht die vor Kraft strotzenden Körper der Puppen, aber auch die Spuren, welche die wirkende Zeit an ihnen hinterlassen hat. Die Verwitterungen am Stein, Zeichen des doppelten Verfalls, demjenigen des Materials wie auch des langsamen Übergangs vom Symbol zum bloßen Bild aus porösem Sandstein, das alles interessiert ihn und inspiriert ihn zum künstlerischen Tun.

Besonders die weiblichen Puppen-Figuren haben es ihm angetan. Im Prozess seiner Darstellung der Concordia etwa und der Puppe mit Füllhorn oder Schlange zeichnet er diesen Weg durch die Zeit nach. Dem ersten Entwurf in Graphit, der zunächst nur andeutet, folgt die feste, alle Einzelheiten starr wiedergebende Ansicht als Reliefradierung und schließlich diejenige als Torso. Kunau beschreibt hier den Weg eines Kunstwerks von der auslösenden Inspiration über sichtbar gewordene Kondition bis hin zu ihrer Rücknahme in der Zeit. Die Puppen verlieren dabei zwar ihren Ursprungsgedanken, als allegorische Botschafterinnen gleichnishaft für tradierte Werte zu stehen, gewinnen aber Bedeutung als Zeugen der Dauer im Wandel. Ihre allegorische Aussage hat so zu sagen einen Wertewandel erfahren.

Diese Arbeiten sind im Besitz der Kunsthalle St. Annen in Lübeck.